Aus dem «Kulturgüterraum»

«Dieser Spektakel – da vergeht einem Hören und Sehen» schrieb ein Missionar vor mehr als 100 Jahren über seine Ankunft in der ghanaischen Kultur. Erging es uns ähnlich bei unserem Besuch Basler Missionshauses? Zu erwarten war es nicht, als wir uns am Samstagvormittag auf Stühle in einem anonymen Seminarraum setzten. Ein Spektakel, das erlebten wir tatsächlich nicht.

Claudia Wirthlin, als Mitarbeitende im Archiv und in der Forschung, hatte jedoch allerhand Archivgegenstände für uns zur Ansicht ausgewählt. Bis zwölf Uhr nachts habe sie noch vorbereitet; das merkten wir schnell. Auf mehreren Tischen lag säuberlich sortiert hauchdünnes Papier, daneben waren Bücher aufgeschlagen und alles durfte bloss mit Handschuhen angefasst werden. Die mit Tinte geschriebenen Protokolle und Briefe waren nicht nur fast 200 Jahre alt, sondern waren damals mit dem Schiff von Ghana in die Schweiz transportiert worden! Und jetzt sahen wir diese Dinge vor uns, die schon in den Händen von Johannes Zimmermann gelegen waren. Im Untergeschoss besichtigten wir dann den «Kulturgüterraum» (auch Archiv genannt), wo diese Dokumente bei kühler Temperatur und idealer Luftfeuchtigkeit aufbewahrt werden. Die Bibel der Eskimo sowie die «Polyglotta Africana» (ein Werk zum Vergleich von mehr als 100 verschiedenen afrikanischen Sprachen) waren Bücher, von deren Existenz wir bisher nichts wussten, obschon sie damals das Lebenswerk eines Menschen darstellen mochten. Es war spektakulär, was wir hier hörten und sahen!

Wir durchstöbern Archivmaterial

Wir durchstöbern Archivmaterial

Nach einem hervorragenden Mittagessen ermöglichte uns Christian Weber mit lebendigen Erzählungen, die Geschichte der Basler Mission in einem grösseren Kontext einordnen zu können. Ende der Führung fiel es uns sicherlich leichter, zu verstehen, dass Missionar oder Missionarsbraut zu werden, eine unvergleichbar gute Perspektive war am Anfang des 19. Jahrhunderts. Die Ausbildung, die im Haus damals angeboten wurde, war sehr vielseitig. So bewirtschafteten die Zöglinge und zukünftigen Missionare je eine kleine Gartenparzelle um sich darauf vorzubereiten, sich im Ausland selbst zu versorgen. Natürlich wurde auch diese Aufgabe strengstens benotet. Die innerhalb von 200 Jahren ausgesandten jungen Missionare hatten die Aufgabe, im unbekannten Afrika eine nachhaltige Lebensgrundlage zu bereiten – ihr eigenes Überleben stand dabei auf dem Spiel, und viele Missionare starben kurze Zeit nach ihrer Ankunft an den Folgen tropischer Krankheiten.

Hoffentlich also, «verging uns Hören und Sehen» an diesem Tag nicht. Es ist schwer, sich vorzustellen, wie jemand so bereitwillig diese Gefahren auf sich nahm, und es ist noch schwieriger, sich vorzustellen, selber in den Schuhen eines solchen Menschen zu stehen. Aber der Besuch im Missionshaus brachte uns die Missionare in ihrer Menschlichkeit näher. Durch die beiden spektakulären Führungen wurde uns einmal mehr bewusst, dass wir als Missionare in unserer eigenen Mission etwas bewirken können.

Valentina Kobi und Noemi Harnickell