Blog: Premiere

WAS FÜR EIN FEST…

Um 15 Uhr treffen wir uns im Kirchgemeindehaus, diesmal sind auch die Unpünktlichen pünktlich, es herrscht eine konzentrierte Hektik und dann beginnen schon die Vorbereitungen für den grossen Auftritt: Frisuren werden gerichtet, Scheinwerfer zurechtgerückt, die Technik kontrolliert, Zöpfe geflochten, es wird gepudert und gepinselt und daneben spielen die Wartenden im Kreis «Wosch e Banane? – Hä? E waaaaas?».

Dann huscht hinter der Bühne noch eine nervöse Greta vorbei und in der Luft liegt eine Kombination von freudiger Aufregung, ein Gefühl von Gemeinschaft und absoluter Panik, Lampenfieber vor dem grossen Auftritt und angstvolle Gedanken im Sinn von «ich werde meinen ganzen Text vergessen und mich blamieren – öffentlich». Darüber schwebt –insbesondere beim gemeinsamem Warm-Up und beim Singen des Liedes «Hoffen wider alle Hoffnung», das mit seinem Text den Zwiespalt und die Herausforderung ausdrückt, wie wir als Gemeinschaft, als Gesellschaft den Klimawandel und die Klimakrise nicht beschönigen und dennoch weitermachen können, nicht gelähmt werden angesichts der drastischen aktuellen Situation in Bezug auf das Klima – ein Gefühl von Gemeinschaft, von einem Miteinander. 

Erinnerungen kommen hoch an die Proben, ans Lager, an die Intensivprobewoche und zuletzt bleibt ein gemeinsames Anliegen, für das wir heute auf die Bühne stehen, wie es im Text heisst, das Einstehen für eine bessere Welt, die wir unseren Kindern hinterlassen wollen. Wir, das sind Gross und Klein auf der Bühne, jung und weniger jung, HelferInnen und SpielerInnen, Freiwillige und Unfreiwillige und uns verbindet die Liebe zum Theater und ein Herz für den Klimaschutz und ein Suchen nach einer Möglichkeit eines Lebens, das auch für die zukünftigen Generationen Platz auf diesem Planeten lässt. 

Wir haben uns also versammelt, um an diesem herbstlichen Sonntag in Bern, bei welchem gleichzeitig ein klimarelevantes Event mit Greta und Co. stattfindet, ein Zeichen zu setzen. Dass eine Mutter einer jungen Spielerin an diesem Tag noch eine E-Mail von Greta höchstpersönlich erhalten hat, ist irgendwie doch sinnbildlich für diesen Tag und unser kleines Projekt mit einer grossen Botschaft. 

Auch wenn eine der jungen Spielerinnen mit einem gelben (die Farbe durfte beim Arzt ausgewählt werden) Armgips auftaucht und natürlich alle Wundernasen fragen, was passiert sei, ob sie noch gehen könne und ob denn der Arm gebrochen, verstaucht oder sonst etwas Wildes sich ereignet habe, herrscht weiterhin eine nervöse und auch konzentrierte Zuversicht und Spielfreude in der Luft. 

Und dann ist schon 17 Uhr, das Glöckchen ertönt, alle Zertifikate sind kontrolliert und dann wird bereits die erste Szene gespielt: Die Zoom-Konferenz, bei der bei der Generalprobe technisch noch alles schiefgelaufen ist. Diesmal klappt sie einwandfrei, danach stürmt Malena freudig in den Backstagebereich, atmet auf und flüstert: «puh, es het alles klappt». Danach läuft das Spiel, es gibt Tanz, Lichtwechsel, eine sich drehende Tafel und zwei sehr wütende Gretas, die die geprobten Sätze laut rufen: «ich will Eure Hoffnung nicht; ich will, dass Ihr die gleiche Panik verspürt, die ich jeden Tag verspüre und dann will ich, dass Ihr handelt.».

Hinter der Bühne erklärt derweil Klein dem noch Kleineren: «weisst Du, Du darfst nicht reden, sonst hören das eben alle Zuschauer». Es wird sich schnell umgezogen unter der Aufmerksamkeit von einer Gruppe von Kindern, die die Handlung kommentieren mit «Weisst Du, sie hat es eben eilig.».

Und dann ertönt schon der Schlussapplaus, bis auf eine tänzerisch zerrissene Jeans und etwas falsch eingenommenen Lichtpositionen war es eine rundum gelungene Vorstellung, sogar das Chäschüechli war diesmal echt und warm und auch die Hamburgerbrötchen haben nicht gefehlt. Im Anschluss an die Aufführung erhalten wir ZuschauerInnenkommentare wie «ich habe noch länger über das Stück nachgedacht» und «es gab Szenen, bei denen ich einen eiskalten Schauer verspürt habe» sowie «insbesondere die Gestik und Mimik der jüngeren SpielerInnen war beeindruckend». Und so denken wir als Theaterensemble, es hat sich gelohnt, alles; das Auswendiglernen, das erneute Probieren, das Suchen von der richtigen Haltung zwischen Über- und Untertreibung, die wiederholte Regieanweisung «lauter» und «Konzentration bitte» und das Lampenfieber. Dafür hat sich alles gelohnt, alle Tränen, aller Schweiss und wir freuen uns auf die verbleibenden Aufführungen und der eine oder andere informiert sich unterdessen verstärkt über den Klimastreik und überlegt vielleicht zuhause einmal mehr, ob die Heizung wirklich schon aufgedreht werden soll oder das gute Sushizmittag in der Plastikverpackung tatsächlich gekauft werden soll. Und damit haben wir etwas Wichtiges erreicht, vielleicht das Wichtigste, das Bewusstsein, die Achtsamkeit, die persönliche Reflexion, die bei jedem einzelnen beginnt, für die Klimaproblematik zu schärfen, es uns und den Zuschauer weniger bequem zu machen, denn «on a plus chaud, plus chaud que le climat». 

Julia Bucher

Fotos: Lorenz Jost