Von der Mitläuferin zur Kämpferin

Vor 70 Jahren, am 22. Februar 1943, wurde die deutsche Widerstandskämpferin Sophie Scholl von den Nationalsozialisten ermordet. Mit mutigen Flugblattaktionen versuchte die damals 21-Jährige gemeinsam mit Freunden und ihrem Bruder Hans die deutsche Gesellschaft wachzurütteln. Die Auseinandersetzung mit Sophie Scholl lohnt sich heute, 70 Jahre nach dem Tod, nicht nur wegen ihrem überzeugten politischen Widerstand. Eine neu publizierte Unterrichtseinheit thematisiert unter anderem die Aktualisierung der Thematik in die Gegenwart.

Von Hannes Liechti

sophie scholl

Sophie Scholl und Christoph Probst (rechts) verabschieden Hans Scholl (links),
der an die Ostfront abkommandiert wird, München Juli 1942
© Privatbesitz Jürgen Wittenstein

Nach einem kurzen Schauprozess besiegelte Roland Freisler am 22. Februar 1943 das Schicksal der Geschwister Scholl. Der berüchtigte nationalsozialistische Strafrichter verurteilte die Widerstandskämpfer Hans Scholl, Sophie Scholl und Christoph Probst wegen Vorbereitung zum Hochverrat zum Tode. Nur wenige Stunden später wurde das Urteil vollstreckt. Unmittelbar nach der deutschen Kapitulation bei Stalingrad war es Adolf Hitler besonders wichtig, ein Exempel zu statuieren. Nur vier Tage vor dem Münchner Prozess proklamierte Propagandaminister Goebbels den «Totalen Krieg». Noch immer glaubte das Regime verbissen an den «Endsieg». Was ihnen dabei am wenigsten gelegen kam, war politischer Widerstand von Innen, wie ihn diese junge Studentengruppe, bekannt unter dem Namen «Die Weisse Rose», leistete.

«Allen Gewalten zum Trotz»
Dabei war Sophie Scholls Weg zur überzeugten Aktivistin keineswegs vorgezeichnet. Zu Beginn waren die vier Geschwister Scholl zum Leidwesen der regimekritischen Eltern begeisterte Anhänger des Bundes Deutscher Mädel (BDM) und der Hitler-Jugend (HJ). Erst allmählich wurde Sophie bewusst, an welch verbrecherischem Regime sie sich mit ihrem Engagement beteiligte. Der Gesinnungswandel dürfte nicht zuletzt eine Frucht der elterlichen Erziehung gewesen sein, in der Werte wie Freiheit und Gerechtigkeit gross geschrieben wurden. Der von Vater Robert immer wieder zitierte Ausspruch Goethes – «Allen Gewalten zum Trotz sich erhalten» – wurde bald zu Sophies Motto und gipfelte in den Flugblattaktionen vom Winter 1942/43 und dem Aufschrei zum Sturz des Regimes.

Passfoto, 1943

Passfoto, 1943

Ansteckende Lebensfreude
Heute geht oft vergessen, dass die mutigen Studenten fernab ihrer politischen Betätigung auch einfach junge Erwachsene waren, die mitten im braunen Deutschland der 30er-Jahre ihren Weg durchs Leben suchten. Besonders Sophie strahlte bis zuletzt eine unglaublich starke und noch immer ansteckende Lebensfreude aus. Sie begeisterte sich für die Schönheit der Natur, die Musik und die Literatur. Sie liebte das Zeichnen und Modellieren ebenso wie das Schreiben und Tanzen. Mit ihrem Freund Fritz Hartnagel, Soldat der Deutschen Wehrmacht, lebte sie eine intensive Liebe, obschon sie sich nur selten treffen konnten. In Sophies Briefen und Tagebucheinträgen lernt man eine junge Frau kennen, die von Ängsten und Zweifeln in der Beziehung geplagt wird und gleichzeitig von leichten und fröhlichen Erlebnissen berichtet.

Die Suche nach Antworten
Immer wieder bringt Sophie auch ihr Verhältnis zu Gott zur Sprache. So notiert sie vier Monate vor dem Tod in ihrem Tagebuch: „Immer, wenn ich bete, rinnen mir die Worte fort, ich weiss keine anderen mehr als: Hilf mir! Etwas anderes kann ich auch nicht beten, einfach darum, weil ich noch viel zu niedrig bin, um beten zu können. So bete ich darum, beten zu lernen.“ In grosser Offenheit rang sie mit sich selbst und mit ihren Freunden auf der Suche nach Antworten um Glauben und Konfession. Zu keinem Zeitpunkt in ihrem Leben war für Sophie aber in Frage gestellt, dass sie in allem in Gottes Hand geborgen ist. Als Lina Scholl ihrer Tochter zum Abschied vor der Hinrichtung sagte «Aber gelt, Jesus», erwiderte die 21-jährige überzeugt: «Ja, aber du auch.»

Problematische Legendenbildung
«Jetzt haben sie euch zur Legende gemacht und in Unwirklichkeiten versponnen, denn dann ist einem – um den Vergleich gebracht – das schlechte Gewissen genommen», singt der deutsche Liedermacher Konstantin Wecker in seinem Lied über die «Weisse Rose» und spricht damit einen wunden Punkt der Scholl-Rezeption der Nachkriegszeit an. Zeitgleich mit der Hochstilisierung der historischen Figuren zu Legenden, geht der Blick auf die Widerständigen unserer Zeit verloren und das Handeln der Geschwister Scholl erscheint der heutigen Realität entrückt. Hier setzt eine neue Unterrichtseinheit für Schule und KUW an, herausgegeben von der Evangelisch-reformierten Kirchgemeinde Bern-Johannes (Bestellmöglichkeit auf dieser Website).

Hoffnung auf Menschlichkeit
Nicht nur der Wandel von der unkritischen Mitläuferin zur engagierten Widerstandskämpferin macht Sophie Scholl zu einem authentischen Vorbild für Jugendliche. Sophies Lebenskraft und ihr grosses Vertrauen auf Gott und ihr Ringen mit ihm, kann junge Menschen in der eigenen Sinnsuche bestärken und ermutigen. Weiter verknüpft die Unterrichtseinheit den Widerstand der «Weissen Rose» mit der Gegenwart und fragt sich, welche Möglichkeiten dazu sich im Hier und Jetzt ergeben. Es bleibt zu hoffen, dass es noch nicht soweit ist, wie Konstantin Wecker befürchtet: «Denn die Menschlichkeit ist hierzuland eher ungern gesehn und beschloss deshalb auszuwandern.»

Der eindrückliche Briefwechsel von Sophie Scholl und ihrem Freund Fritz Hartnagel wurde von Hartnagels Sohn Thomas herausgegeben: Damit wir uns nicht verlieren, Fischer Verlag, Frankfurt am Main 2008, 495 S..

RefPresse_logoDieser Artikel erschien in der reformierten Presse
Nr. 7 | 15. Februar 2013