Hingebungsvoll und ohrenbetäubend laut

«Lasst uns beten!» Nach einem Rutschen und Rascheln von 2’000 Menschen, die sich zum Gebet vornüberbeugten, wurde es still. Die Unterarme auf der Lehne der vorderen Kirchenbank abgelegt, das Gesicht in der einen Armbeuge vergraben, lauschte ich den Worten, die aus den Lautsprechern plärrten.

Beim ersten Gottesdienst, den Noemi, Jonathan und ich in Abuja bei der Ekklesiyar Yanuwa a Nigeria (EYN) erlebt hatten, war ich während des Gebets aufrecht dagesessen, hatte das Muster auf dem Kleid meiner Nachbarin bewundert, dann auf meine Hände geschaut, sowie die Kuppel bestaunt.

Ins Gebet vertieft: Mitglieder der EYN-Kirche in Abuja, Nigeria

Ins Gebet vertieft: Mitglieder der EYN-Kirche in Abuja, Nigeria

Ich hatte dem betenden Pfarrer gelauscht, doch das Bedürfnis, dabei aus Respekt vor Gott meine Augen zu schliessen, fühlte ich nicht. Die Hingabe, mit der hier gebetet wurde, beeindruckte mich aber derart, dass ich mich damit auch versuchen wollte. Zumindest das mit den geschlossenen Augen und dem gesenkten Kopf: Dazu wurden hier nämlich schon die kleinen Kinder angewiesen.

«Lasst uns Gottes Namen preisen!» Die eben noch ins Gebet vertieften Kirchengänger standen auf, es begann zu tönen und scheppern, die Kirchenband stimmte das uns schon bekannte «Showers of Blessings» an. Bald war es ohrenbetäubend laut. Zwei Wochen zuvor hatte das noch physisches Unwohlsein in mir ausgelöst. Nun breitete sich aber eine Wohligkeit in mir aus. Auch wenn ich mich noch nicht für diese Musik begeistern konnte, gab sie mir doch mittlerweile ein Gefühl von Geborgenheit.

Dies hatte auch mit Bijida, Rosemary, Lois, Marc, Paul, Ezekiel und vielen weiteren Kirchenmitgliedern zu tun, die hier mit uns Gottesdienst feierten. Rasch waren sie alle zu Brüdern, Schwestern, Tanten und Onkel geworden und zusammen lachen, das ging bestens.

Schwieriger wurde es beim Diskutieren. Unsere neuen Freunde kamen sehr häufig auf Glaubensthemen zu sprechen, sie verwendeten dabei grosszügig christliches Vokabular, und argumentierten mit Bibelstellen. Das überforderte uns – wir hatten nicht damit gerechnet, dass ein derart grosser Teil ihres Alltag vom Glauben durchdrungen wird. So war es schwierig, sekuläre Argumente geltend zu machen. Die Bibel als Ratgeber in allen Lebenslagen – dieser Ansatz schien mir weltfremd. Doch schon nach kurzer Zeit in diesem unübersichtlichen, von ethnischen und religiösen Konflikten bewegten Land verstehe ich: Zumindest die biblischen Worte verändern sich nicht. Das gibt Halt.

Am 29. Januar 2017 erzählen die Nigeria-Reisenden im Gottesdienst der Johanneskirche bzw. im anschliessenden Kirchencafé mehr von der EYN-Kirche, von eindrücklichen Begegnungen mit Menschen, die vor der islamistischen Terrormiliz Boko Haram geflüchtet sind und von der interreligiösen Friedensarbeit, die unteranderem von EYN-Mitgliedern vorangetrieben wird.