Friede in Allah und Gott

Im Nigerianischen Dorf Gurku leben Muslime und Christen friedlich zusammen. Obwohl im Land Islamisten wüten und Misstrauen die Bevölkerung spaltet.

Sand wirbelt zwischen den beigen Hütten auf. Die Sonne brennt auf die Wellblechdächer der Siedlung unweit der nigerianischen Hauptstadt Abuja. Rund 1000 Menschen zählt Gurku, eines der wenigen interreligiösen Flüchtlingsdörfer im Land. Hier leben Muslime und Christen zusammen. In einem schweren Schicksal vereint – weil sie sich weigerten, die extremistische Glaubensauffassung der Kämpfer der islamistischen Terrormiliz Boko Haram anzunehmen.

Das Zusammenleben der beiden Religionen in Gurku ist angesichts der politischen Lage Nigerias ungewöhnlich. Im christlich dominierten Süden des Landes sitzt das Misstrauen gegenüber Muslimen tief. Zu verheerend ist die Verwüstung, die Boko Haram im Namen des «heiligen Kriegs» über Nigeria gebracht hat.

Auf der Flucht

Die Anhänger der terroristischen Organisation ziehen seit Jahren durchs Land, brennen Dörfer und Felder ab, ermorden Männer vor den Augen ihrer Familie, beuten Frauen aus und missbrauchen selbst Kinder, indem sie sie als Selbstmordattentäter einsetzen. Sich zu wehren, war und ist zwecklos, mehr als 2,5 Millionen Nigerianerinnen und Nigerianer blieb nichts als die Flucht.

Seit mehr als drei Jahren ist Ibrahim Dauda unterwegs. Der 41-Jährige und seine Familie sind in Gurku nun sicher. Aber noch keineswegs angekommen. Wie die meisten nigerianischen Binnenflüchtlinge wollen sie hier auch gar nicht bleiben. Sie wollen zurück in ihr Heimatdorf im Nordosten. Dorthin, wo Ibrahim Dauda am 6. Januar 2014 am hellichten Tag überfallen wurde und er schliesslich flüchten musste. Zusammen mit einem Freund war er auf dem Weg in die Stadt Maiduguri, als zwei Männer ihren Pick-up anhielten.

«Wir wollten dort die Einladungskarte für einen Benefizanlass der Kirche drucken lassen. Doch so weit kam es nicht.» Den Freund am Steuer hätten die Kämpfer, die offensichtlich zu Boko Haram gehörten, geknebelt und auf die Ladefläche bugsiert, und ihn hätten sie in ihre Mitte gezwängt. «Eingeklemmt zwischen den beiden Bewaffneten ging die Fahrt weiter. Wohin, wusste ich nicht. Doch ich hatte eine Vermutung. Und mir war klar: Dorthin lasse ich mich nicht verschleppen.»

Die Kämpfer steuerten wohl in Richtung des Sambisa-Waldes, wo das Hauptquartier der Terrormiliz Boko Haram versteckt liegt. «Mir gelang es, den Beifahrer zu überrumpeln, ihm die Waffe zu entwenden und aus dem Auto zu springen. Dann rannte ich los», erzählt Ibrahim. Der Glaube hilft Tausenden von Menschen wie ihm, mit dem Erlebten umzugehen. Ob christlich oder muslimisch: Der Glaube ist fester Bestandteil des nigerianischen Alltags.

Und Gottes Wort scheint in diesem von der wirtschaftlichen Depression geschwächten Land verlässlicher zu sein als andere Instanzen. Chaotisch ist die Situation im Land. Und die Versorgung der Binnenflüchtlinge, wie sie in Gurku leben, scheint für Staatsoberhaupt Muhammadu Buhari neben dem Krieg gegen Boko Haram höchstens zweitrangig zu sein. So ist es schier unmöglich, in Gurku eine neue Existenz aufzubauen.

Leben heisst glauben

Ibrahim Dauda seufzt. Neben ihm unter dem Mangobaum sitzt der etwas ältere Musa Medugu. Der Abend bricht an. Knatternder Motorenlärm stört auf einmal die Ruhe auf dem Dorfplatz. John Hzaruwa braust an, bremst und schwingt sich von seinem Motorrad. Er lässt sich neben Ibrahim auf die Bank fallen: «Wie geht es?» – «Es ist ein gesegneter Tag», antwortet Ibrahim, und Musa nickt.

Auch für John ist alles in Ordnung. Er gebe Gott die Ehre, sagt er. Was wie eine Floskel klingt, macht das Leben der drei Männer aus: Ihr Alltag ist geprägt von ihrem Glauben. «Vielleicht ist unser Leiden eine Prüfung. Aber eines Tages wird es uns besser gehen», sagt John. «Wir müssen endlich vergeben und vergessen. Das ist alles, was wir im Moment tun können.»

Erschienen im «reformiert.» | Nr. 6 / Juni 2017 I Leben und Glauben